Kampfverband statt Forum. Interview mit dem SAVASS-Präsidenten, NR U. Giezendanner. Gewerbezeitung vom 3. Dezember 2010

03.12.2010

Mit der totalen Neuausrichtung der SAVASS kommt in der Mehrwertdienste-Branche frischer Wind auf. Harte Auseinandersetzungen sind allerdings vorprogrammiert.

Sechs Jahre nach seiner Gründung geht SAVASS, der Verband der Schweizer Mehrwertdienste-Branche, neue Wege. Absolute Priorität haben nun die Interessen der Dienstleister. Differenzen mit den grossen Anbietern Swisscom, Sunrise und Orange werden nicht mehr bloss diskutiert, sondern auf politischer Ebene als Konflikte ausgetragen. Verbandspräsident Nationalrat Ulrich Giezendanner nennt im Gespräch mit der Schweizerischen Gewerbezeitung Gründe für die Neuausrichtung.

Gewerbezeitung: Swisscom, Sunriseund Orange sind nun definitiv aus der SAVASS ausgetreten. Was ist der Grund?

■ NR Ulrich Giezendanner: In der Zeit nach der Gründung 2005 stand für die damals relativ junge Mehrwertdienste- Branche die Schaffung einer Interessenvertretung im Vordergrund. Es galt primär, den enorm wachsenden Druck der Politik und der aggressiv agierenden Konsumentenschutzorganisationen zu kontern, der zu immer mehr Überregulierungen zu führen drohte. Das Bedürfnis nach einem einheitlichen Auftritt war der Hauptgrund, warum sich die drei grossen FDA, also die Fernmeldedienstanbieter, aktiv engagierten. Heute haben wir aber eine neue Situation. Neben den Regulierern sind die FDA zunehmend zu Gegnern geworden.

Dennoch pflegten Sie lange den Verband als «Schicksalsgemeinschaft» zu bezeichnen.

■ Bei der Gründung stand die Existenz vieler Dienstleisterfirmen auf der Kippe. Die Branche hatte einen miesen Ruf, unsere Mitgliedsunternehmen wurden als Nepper und Moralverderber an den Pranger gestellt. Es war die Stunde der selbsternannten Saubermänner und fürsorglichen Konsumentenschützer. Und plötzlich tauchte die SAVASS auf und konnte die Gesetzesmaschinerie entscheidend bremsen. Wir wurden vorab dank unserem klugen und leicht nachvollziehbaren Ehrenkodex salonfähig. Wir wurden vorab dank unserem klugen und leicht nachvollziehbaren Ehrenkodex salonfähig. Damit sind wir aus der «Schmuddelecke» rausgekommen – und das wäre ohne das Mitmachen der FDA kaum möglich gewesen. Nachdem wir als seriöser Partner akzeptiert worden waren, wurden wir nach g t schweizerischer Manier in die Machtstrukturen eingebunden. Unsere Stimme hat heute bei Vernehmlassungen Gewicht, wir sind in der Beschwerdeinstanz ombudscom vertreten und finden Unterstützung bei vielen Bundesparlamentariern. Ich bin im Übrigen sehr stolz auf diese Leistung; andere Branchenverbände brauchen dafür Jahrzehnte oder schaffen es gar nie.

Warum setzen die Dienstleister nun dieses Gewicht aufs Spiel, indem sie die drei FDA aus dem Verband drängen? Hat der «Mohr» einfach seine Schuldigkeit getan und darf jetzt gehen?

■ Die FDA sind keine Wohltäter. IhrEngagement bei der SAVASS war nicht uneigennützig. Ihnen ging es insbesondere darum, dass ein für sie lukrativer Markt einigermassen erhalten bleibt. Zudem bot der Verband ein wichtiges Informationsforum, das mehrere interne Konflikte elegant schlichten konnte. Eine Zusammenarbeit hat aber nur dann Sinn, wenn sie sich auf die Dauer für beide Seiten gleichermassen lohnt. Für wichtige Anliegen der Dienstleister hatten Swisscom & Co. leider kein Gehör, weil für sie viel Geld auf dem Spiel stand. Anders gesagt: Es war keine echte Partnerschaft möglich.$

Was versprechen Sie sich von dieser Wende?

■ Nichts weniger als einen wesentlich schlagkräftigeren Verband. Die Pseudo-Harmonie führte dazu, dass immer mehr Mitglieder den Austritt gaben, weil sie ihre Hauptinteressen nicht energisch vertreten sahen. Der Vorstand musste deshalb die bisherige Strategie ändern, wenn der Verband nicht untergehen wollte. Der Wandel zu einer Kampforganisation ist jetzt vollzogen. Und das ist richtig so: Nur als unerschrockener, starker und aggressiver Interessenwahrer kann SAVASS für neue Mitglieder attraktiv sein.

Sie greifen die FDA jetzt sogar mit parlamentarischen Vorstössen frontal an.

■ Wir konzentrieren vorerst uns auf ein Gebiet, auf dem die FDA den Dienstleistern am meisten wehtun: die fehlende Interoperabilität. Die Operatoren kassieren für den Transport der Mehrwertdienstinhalte bis zu 50 Prozent der anfallenden Rechnungssumme, obwohl solche Leistungen in freien Märkten für ein bis maximal fünf Prozent zu haben sind. Damit werden nicht nur die Mehrwertdienstler, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten abgezockt. Ich habe dazu im Nationalrat eine Motion eingereicht. Ich hoffe allerdings, dass die FDA einlenken, bevor sie dazu von der Politik gezwungen werden. Entsprechend setzen wir auch andere parlamentarische Instrumente ein, etwa die Fragestunde. Viele Nadelstiche können eben eine grosse Wirkung haben. Dazu gehört auch der Beschluss, gewisse Praktiken der FDA bei den zuständigen Kontrollbehörden anzuprangern. Es geht uns dabei einzig und allein um gleich lange Spiesse. So darf es beispielsweise nicht sein, dass krasse Verstösse gegen die Werbevorschriften bei den FDA quasi toleriert werden, während unsere Leute wegen jeder Bagatelle ein Verfahren am Hals haben.

Interview: Patrick M. Lucca

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